22 Aug.

Stellungnahme des Filmverbandes Südwest e.V. zum DWDL-Bericht über Produktionsverlagerungen beim SWR

Es geht um mehr als einzelne Sendungen – es geht um die Zukunft eines Medienstandortes

Der Filmverband Südwest e.V. möchte die aktuelle Diskussion über Produktionsentscheidungen des SWR einordnen. Die Debatte sollte aus unserer Sicht nicht auf einzelne Formate oder einzelne Vergaben verkürzt werden. Es geht um eine grundsätzliche Frage: Welche Verantwortung übernimmt eine öffentlich-rechtliche Landesrundfunkanstalt für die Film- und Fernsehbranche in ihrem eigenen Sendegebiet?

Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz verfügen über eine leistungsfähige Film- und Medienwirtschaft mit international erfahrenen Produktionsunternehmen, kreativen Talenten, technischen Gewerken, Dienstleistungsunternehmen und hervorragend ausgebildeten Nachwuchskräften. Diese Strukturen entstehen jedoch nicht allein durch Ausbildung. Sie benötigen kontinuierliches Produktionsvolumen, reale Beschäftigungsmöglichkeiten und Auftraggeber, die ihre Verantwortung für den eigenen Medienstandort wahrnehmen.

Regionale Wertschöpfung des SWR bleibt deutlich hinter anderen Landesrundfunkanstalten zurück

Der SWR ist eine der größten ARD-Landesrundfunkanstalten und verantwortlich für zwei wirtschaftlich starke Bundesländer. Gerade deshalb ist entscheidend, wo die Wertschöpfung seiner Produktionsaufträge entsteht.

Nach unserer Wahrnehmung und Auswertung der verfügbaren Daten liegt der Anteil der vom SWR vergebenen externen Produktionsaufträge, die innerhalb des eigenen Sendegebietes Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz umgesetzt werden, seit Jahren deutlich unter dem Niveau anderer vergleichbarer Landesrundfunkanstalten.

Aktuell bewegt sich die regionale Beauftragung nach SWR-Angaben häufig im Bereich von etwa 25 Prozent mit einzelnen Abweichungen. Andere Landesrundfunkanstalten vergeben teilweise über 70 Prozent ihres externen Produktionsvolumens innerhalb ihres eigenen Sendegebietes.

Diese Unterschiede sind für einen Medienstandort nicht nebensächlich. Jeder Produktionsauftrag bedeutet Wertschöpfung, Beschäftigung und Zukunftsperspektiven – nicht nur für Produktionsunternehmen, sondern für die gesamte Branche.

Dabei muss differenziert werden: Ein Teil der regionalen Beauftragung des SWR entsteht über Landesstudios, aktuelle Berichterstattung und kleinere regionale Dienstleistungen. Diese Leistungen sind wichtig und wertvoll.

Die zentrale Herausforderung liegt jedoch bei den größeren und langfristig wirksamen Produktionsvolumina: bei fiktionalen Projekten, hochwertigen Dokumentationen, Shows und anderen größeren Auftragsproduktionen, die nachhaltige Beschäftigungseffekte für Produktionsunternehmen und freie Filmschaffende erzeugen.

Der Rundfunkstaatsvertrag wäre ein geeignetes Instrument für mehr regionale Verantwortung

Die Diskussion über eine stärkere regionale Verankerung öffentlich-rechtlicher Produktionsaufträge begleitet die Branche bereits seit vielen Jahren.

Deshalb wurde auch politisch intensiv darüber beraten, wie eine größere regionale Verantwortung abgesichert werden kann. Eine Ergänzung des Rundfunkstaatsvertrags wäre aus unserer Sicht hierfür ein geeignetes Instrument gewesen. Im Rahmen der letzten Novellierung gab es eine parteienübergreifende Unterstützung für die Idee, eine verbindliche regionale Beauftragungsquote von 50 Prozent für das jeweilige Sendegebiet festzuschreiben. Diese Forderung wurde von Vertreterinnen und Vertretern der Regionen, politischen Akteuren sowie Teilen der Medienwirtschaft als sinnvoll erachtet.

Nach unseren Gesprächen im politischen Raum rund um die vergangenen Landtagswahlen und den entsprechenden Beratungen entstand der Eindruck, dass der SWR, bzw. Vertreter:innen aktiv Einfluss genommen haben, dass die ursprünglich vorgesehene Regelung letztlich nicht Bestandteil der finalen Beschlussfassung wurde.

Wir bedauern, dass diese Chance für mehr Verbindlichkeit, Transparenz und regionale Verantwortung nicht genutzt wurde.

Eine solche Quote wäre aus unserer Sicht kein Eingriff in die Programmhoheit eines Senders. Sie würde lediglich sicherstellen, dass öffentlich finanzierte Produktionsmittel auch eine angemessene Wirkung in den Regionen entfalten, für die die Landesrundfunkanstalten Verantwortung tragen.

Dabei zeigt der Vergleich mit anderen Landesrundfunkanstalten, dass eine stärkere regionale Verankerung möglich ist. Eine regionale Quote bedeutet nicht, Qualität durch Herkunft zu ersetzen. Sie bedeutet, Verantwortung für den eigenen Medienstandort zu übernehmen. Dass es im laufenden Jahr bereits Verbesserungen bei einzelnen Auftragsproduktionen und eine stärkere Einbindung regionaler Produzentinnen und Produzenten gibt, begrüßen wir ausdrücklich. Diese Entwicklung zeigt, dass Veränderungen möglich sind.

Gleichzeitig bleibt festzuhalten: Die regionale Beauftragung liegt weiterhin deutlich unter einer möglichen 50-Prozent-Quote und deutlich unter dem Niveau verschiedener anderer Landesrundfunkanstalten. Deshalb stellt sich aus unserer Sicht die Frage, warum eine solche Zielgröße nicht zumindest als verbindliche Selbstverpflichtung des SWR eingeführt wird – oder perspektivisch erneut im Rundfunkstaatsvertrag verankert werden sollte.

Externe Vergabe muss regionale Verantwortung bedeuten

Grundsätzlich begrüßen wir, wenn öffentlich-rechtliche Sender Produktionsvolumen stärker für unabhängige Produktionsunternehmen öffnen. Der Abbau eigener Produktionsstrukturen kann eine Chance für die freie Produktionswirtschaft sein. Entscheidend ist jedoch, wo diese Wertschöpfung stattfindet.

Der SWR hat über Jahrzehnte erhebliche eigene Produktionskapazitäten aufgebaut, verfügt über große eigene Strukturen und Studios und hat zahlreiche Inhalte selbst produziert. Diese starke Eigenproduktion hat den freien Produktionsmarkt im Südwesten naturgemäß mitgeprägt und die verfügbaren externen Produktionsvolumen begrenzt.

Wenn nun eigene Produktionen schrittweise stärker extern vergeben werden, entsteht daraus nur dann ein positiver Effekt für den Standort, wenn diese Aufträge tatsächlich in der Region bleiben.

Denn für Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz macht es einen entscheidenden Unterschied, ob ein Sender weiterhin selbst produziert und dabei zumindest teilweise regionale Filmschaffende, Dienstleister und Infrastruktur nutzt – oder ob externe Produktionen vollständig an Unternehmen und Standorte außerhalb des eigenen Sendegebietes vergeben werden.

Im zweiten Fall verliert der Standort doppelt: Eigene Produktionsstrukturen werden reduziert und gleichzeitig entstehen die neuen externen Wertschöpfungseffekte an anderen Orten. Gerade vor dem Hintergrund des geplanten Umbaus eigener Produktionsstrukturen muss deshalb sichergestellt werden, dass frei werdende Produktionsvolumina nicht aus dem Südwesten abwandern, sondern die unabhängige Produktionslandschaft vor Ort stärken.

Der Standort Südwest verfügt über Qualität – es fehlt nicht an Kompetenz, sondern an Aufträgen

Besonders kritisch sehen wir, dass die Diskussion über regionale Vergaben seit Jahren teilweise mit dem Argument geführt wird, der Standort Südwest verfüge nicht über ausreichende Qualität oder sei anderen Medienregionen strukturell unterlegen.

Diese Einschätzung teilen wir ausdrücklich nicht.

Baden-Württemberg verfügt über hochqualifizierte Produzentinnen und Produzenten, international erfahrene Filmschaffende, moderne technische Infrastruktur und ausgezeichnete Ausbildungsstätten. Der Standort beweist regelmäßig, dass er hochwertige, anspruchsvolle und erfolgreiche Produktionen realisieren kann.

Das Problem ist nicht fehlende Qualität. Das Problem ist fehlendes Produktionsvolumen.

Ausbildung ohne ausreichende Produktionsperspektive gefährdet den Standort

Baden-Württemberg investiert erheblich in die Ausbildung junger Filmschaffender. Diese Qualität ist ein großer Standortvorteil.

Gleichzeitig entsteht eine problematische Entwicklung: Wir bilden Fachkräfte aus, können ihnen aber zunehmend nicht ausreichend Produktionsperspektiven vor Ort bieten. Davon betroffen sind nicht nur Produzentinnen und Produzenten. Es betrifft freie Filmschaffende ebenso wie kurzfristig Beschäftigte, technische Departments, Produktionsleitungen, Assistenzen und zahlreiche weitere Menschen, die von kontinuierlicher Produktionsarbeit leben.

Wir beobachten seit Jahren, dass sich Fachkräfte dauerhaft aus der Branche verabschieden oder andere Medienstandorte suchen.

Fehlende Produktionsaufträge schwächen auch die Filmförderung

Die Bedeutung dieser Entwicklung reicht weit über einzelne Fernsehproduktionen hinaus.

Baden-Württemberg steht für rund 13,5 Prozent der deutschen Bevölkerung und rund 15 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung.

Gleichzeitig erhält der Standort nach der Analyse des IHK-BW-Medienausschusses seit vielen Jahren nur einen sehr kleinen Anteil der bundesweiten Filmfördermittel von BKM, DFFF und FFA. In den Jahren 2018 bis 2025 lagen die Quoten zwischen 0,39 % und 2,86 % mit einem Durchschnitt von nur 1,53 Prozent.

Diese Diskrepanz ist strukturell problematisch.

Denn gerade Förderinstrumente wie DFFF und FFA entfalten ihre Wirkung dort nachhaltig, wo regionale Produktionsstrukturen, Finanzierungspartner und tatsächliche Herstellungskosten vorhanden sind.

Fehlen regionale Auftraggeber und Produktionsvolumen, wird es für Produzentinnen und Produzenten schwieriger, Projekte zu entwickeln, regionale Finanzierungspartner einzubinden und zusätzliche Mittel nach Baden-Württemberg zu holen.

Damit entsteht ein Kreislauf: Weniger regionale Aufträge führen zu weniger Produktionsvolumen, weniger Produktionsvolumen erschwert Förderungen und Investitionen, und dadurch verliert der Standort weiter an Substanz. Das kann nicht im Interesse von zukunftsfähiger Medien- und Wirtschaftspolitik im Südwesten Deutschlands sein.

Transparenz bei Ausschreibungen muss verbessert werden

Ein weiterer zentraler Punkt betrifft die Vergabeverfahren.

Uns erreichen seit Jahren Rückmeldungen aus der Branche, dass geeignete Produktionsunternehmen häufig nicht oder nur sehr spät von Ausschreibungen erfahren (oftmals erst wenn diese bereits laufen). Auch die Information über mehrere Verfahren und die tatsächlichen Zugangsmöglichkeiten erscheinen aus Sicht vieler Marktteilnehmer nicht ausreichend transparent.

Ein fairer Wettbewerb bedeutet nicht, dass jeder Auftrag zwingend an ein neues Unternehmen vergeben werden muss.

Er bedeutet aber, dass qualifizierte Produktionsunternehmen (insbesondere die aus dem Sendegebiet) eine reale Möglichkeit erhalten, sich zu beteiligen.

Gerade ein öffentlich-rechtlicher Sender sollte hier größtmögliche Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Offenheit gewährleisten. Dies sollte auch unbedingt für die tatsächlichen Vergabeentscheidungen gelten.

Tigerenten Club als aktuelles Beispiel

Die Diskussion um den Tigerenten Club steht beispielhaft für diese größere Entwicklung.

Die Sendung wurde über 30 Jahre SWR-intern in Baden-Württemberg produziert – zunächst in Göppingen und zuletzt am Standort Baden-Baden.

Nach unserer Kenntnis lag für die weitere Produktion am Standort Ludwigsburg ein technisch herausragendes und wirtschaftlich sehr attraktives Angebot vor. Der SWR entschied sich für das Angebot einer Hamburger Produktionsfirma am Standort Köln obwohl dies mit substanziellen Mehrkosten verbunden war.

Unabhängig von der konkreten Entscheidung zeigt dieser Fall jedoch die grundsätzliche Frage: Wie gelingt es, Produktionsvolumen, Know-how und Beschäftigung dauerhaft im eigenen Sendegebiet zu halten?

Denn es geht nicht nur um einzelne Sendeminuten. Es geht um gewachsene Strukturen und um Menschen, deren berufliche Existenz an diesen Produktionsstandorten hängt.

Dialog braucht jetzt konkrete Ergebnisse

Der Filmverband Südwest steht weiterhin für einen konstruktiven Dialog mit dem SWR, der Politik und allen Beteiligten bereit.

Gleichzeitig muss festgehalten werden: Dieser Dialog läuft seit vielen Jahren.

Jetzt braucht es konkrete Ergebnisse.

Dazu gehören eine transparentere Vergabepraxis, eine deutlich stärkere regionale Verankerung von Produktionsaufträgen und eine klare Verantwortung für die Menschen, Unternehmen und Fachkräfte, die den Medienstandort Südwest tragen.

Ein starker öffentlich-rechtlicher Rundfunk braucht starke Produktionsstandorte in seinem eigenen Sendegebiet – und er braucht Strukturen, die sicherstellen, dass öffentliche Mittel nicht nur Inhalte finanzieren, sondern auch nachhaltige kulturelle und wirtschaftliche Wertschöpfung ermöglichen.

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