18 Mrz

Covid 19 befällt die Filmbranche.

Kaum ein Ereignis hat den Alltag der Menschheit so einschneidend umgekrempelt, wie die derzeitige Pandemie, Tschernobyl und 9/11 waren zwar medial mindestens genauso präsent, jedoch betrifft die Pandemie jeden Einzelnen und auf allen Kontinenten dieser Erde. Einschneidend ist der Virus auch für die Filmbranche – Sind wir doch darauf angewiesen, dass eine Vielzahl von Personen aus allen Ecken und Enden der Republik zu einem Zeitpunkt X an einem Ort Y sind…

Die ersten Wellen schlug Covid19 mit der Absage des Genfer Autosalons. Viele große Autobauer überwarfen die Messepläne und boten die Automobilpremiere als Livestream an. So wurden dann in der Region Stuttgart spontan einige Studios gebucht und kurzerhand die Messepräsentation der großen Autobauer live übertragen. Doch was nach dem spontanen Zusatzgeschäft folgte, waren keine kleinen Wellen, sondern der GAU:
Nach und nach brachen alle Produktionen weg. Alles was in der Region geplant war, wurde komplett gecancelt und nicht nur in BaWü, sondern Europaweit. Einige Produktionen versuchten noch zu produzieren, mussten dann aber auch aufgeben. Zu Alarmierend sind die Ausmaße der Pandemie in Italien, als das man sich vor dem drohenden Infarkt des Deutschen Gesundheitssystems verschließen kann. Produktionsstop bei allen Produktionen.

Die großen Verlierer sind die Freelancer und Dienstleister. Egal ob Öffentlich-Rechtliche Produktion, Auftragsproduktion oder Freie Produktionen, Filmschaffende und Schauspieler*innen sind meist Soloselbstständige mit befristeten Verträgen. Ein Totalausfall aller Produktionen bedeutet für die meisten, dass ihre Lebensgrundlage komplett weggebrochen ist. Und selbst wenn man mehrere Standbeine hat schützt das nicht: Tonmeister Marcus Vetter hat ein zweites Standbein mit seiner mobilen Dreiraddisko – im Falle von Covid19 leider auch kein funktionierender Rettungsschirm – alle Events wurden gecancelt. Auch Verbandsmitglied Vadim Schulz, seines Zeichen DoP und Kameraoperator hat einen Totalausfall. „Also ich habe Angst, dass man es über Kurzarbeit löst, denn die 60% wären ein herber Einschnitt, gerade wenn man in Stuttgart und Umgebung Miete bezahlen muss. Ich hoffe eher auf eine Entschädigung zB. Anhand des Steuerbescheides 2019. „

Volle Regale, leere Auftragsbücher und kein Ende in Sicht.

Eine Umfrage unter den regionalen Dienstleistern bot ein erschreckendes Bild. Bernd Schmidt, Geschäftsführer vom Licam Kameraverleih in Stuttgart spricht von 100% Wegbruch der Aufträge und Anfragen. Den Mitarbeitern der Verleiher droht flächendeckend Kurzarbeit für einen noch nicht absehbaren Zeitraum, auch bei den Lichtverleihern in der Region zeichnet sich ein ähnlich desaströses Bild ab. Der ohnehin schon schwache Start des Jahres endet dank der Pandemie in einer Katastrophe.

Peter Bodenhaupt, Geschäftsführer von Gierich sieht auch schweren Zeiten entgegen: „Mit Verantwortung für sechs Mitarbeiter*innen fällt es einem nicht leicht, wenn 100% der Aufträge gecancelt werden. Und dass, was nicht komplett abgesagt wurde, ist auf Ungewiss verschoben“. Auch im Oberrhein zeichnet sich eine ähnliche Situation ab – bei Cassiopeia Lichtverleih in Renchen ruht der Betrieb auch. „Sämtliche Außenübertragungen des SWR sind erstmal weggefallen und unser Event- & Showbereich ruht mindestens bis zu den Sommerferien.“ Dabei spielt es keine Rolle ob es Spielfilmproduktionen, Serien oder Werbefilm ist – überall wurde der Stecker gezogen.

Auch die Produzenten trifft es hart: Einige Spielfilmprojekte steckten bereits in der Vorproduktion und wurde erstmal restlos auf Eis gelegt. Arek Gielnik von Indifilm musste sein diesjähriges Prestigeprojekt Lucy ist jetzt Gangster erstmal nach hinter verschieben. Der Drehstart im Mai kann nicht gehalten werden und auch ein neuer Drehtermin birgt Risiken für den Produzenten. Was wenn Regie, Kamera oder Cast erkranken oder für Woche in Quarantäne müssen? Er hofft, dass auch Produzenten in einem solchen Fall mit der angekündigten Hilfe rechnen kann, da ein solcher Fall derzeit nicht versicherbar ist.

Auch Christoph Holthof von kurhaus production sieht dieses Problem als kritisch an: „Was, wenn wir in ein ein paar Monaten wieder drehen könnten und dann beispielsweise ein(e) Darsteller*in oder ein Teamitglied an Covid19 erkrankt? Zum jetzigen Zeitpunkt haftet in diesem Fall keine Ausfallversicherung. Das heißt im Klartext, dass wir als Produktionsfirma das Ausfallrisiko nicht eingehen können.“ Die beiden aktuellen Projekte, darunter das Drama Die Saat von Mia Maariel Meyer, waren gerade in früher Vorproduktion, derzeit ruhen die Arbeiten.
Schwer trifft es aber das kurhaus Projekt Kopfplatzen von Regisseur Savas Ceviz. Das Projekt sollte am 02. April in Deutschland in den Kinos starten. Wie es mit dem Projekt weiter geht, ob der Kinostart einfach nur verschoben wird oder, aufgrund der Schwemme an Filmen die sich bei den Verleiher stauen, vielleicht sogar gar nicht in die Kinos kommt, vermag noch keiner zu sagen. Umso tragischer, dass der Film bei Publikum und Presse bisher sehr gut ankam.

Einladen und Abreisen – im ganzen Land wurden Produktionen gestoppt.

Vor ganz andere Probleme stellt diese Situation Spielfilmproduzent*innen, die bereits beim Drehen sind – einige Projekte können trotz Unmut im Team nicht gestoppt werden, da dort bisher keine „höhere Gewalt“ vorliegt.
Erst wenn die Dreharbeiten durch höhere Gewalt unmöglich werden, besteht die Chance auf Erstattungen der Kosten seitens der Auftraggeber. Höhere Gewalt bedeutet, dass die Landesregierung oder eine untergeordnete Instanz die Dreharbeiten untersagen. Auf eigene Faust den Dreh absagen kann also unter Umständen das finanzielle Aus einer Produktionsfirma bedeuten. Aus diesem Grund forderten wir vergangene Woche in einem Appell an die Landesregierung auf, sämtliche Dreharbeiten, die nicht dem Informationsbedarf der Bevölkerung, dienen zu stoppen.
Während der gemeinsamer Anstrengungen von FVSW, MFG Baden-Württemberg und MWK kam die Lösung dann aus der Branche selbst:
Nach unserer Kenntnis wurden nun alle terminierten Dreharbeiten in Baden-Württemberg verschoben oder abgesagt. Dies geschah zum Großteil von Seiten der Produzent*innen und mit Unterstützung der Sender. Somit müssen sich in den kommenden Woche keine Filmschaffenden und Dienstleister sorgen um Ihre Gesundheit machen und der finanzielle Schaden für Produzenten hält sich hoffentlich in Grenzen.

Glück im Unglück hat Produzent Jochen Laube, sein aktuelles Werk Berlin Alexanderplatz ist derzeit sehr Erfolgreich auf den Festivals unterwegs und das nächste Projekt steht erst gegen Ende des Jahres an. Er sprach sich aber für Solidarität aus und regte an, dass man sich in der Branche gegenseitig hilft und bot selbst Hilfe an. Diesen Gedanken haben wir gerne aufgegriffen und bieten unkomplizierte Hilfe an: Schreibt uns eine Mail mit eurem Anliegen und Meinungen – wir vermitteln dann zwischen unseren Mitglieder und der Politik. Vielleicht können so kleinere Probleme unbürokratisch gelöst werden.

Aufnahmeleiter Arno Stumpf appelliert ebenfalls an die Solidarität: „Grabenkämpfe zwischen Freischaffenden und Produzenten sind jetzt fehl am Platz. Auf beiden Seiten stehen Existenzen auf dem Spiel. Nur wenn die Branche zusammen politische Lösungen fordert, wird das eine Chance haben“. Fotograf Stefan Bau ist der Meinung eine passende Lösung ist noch nicht gefunden: „Wie soll man Verdienstausfall nachweisen für Buchungen, die nie stattgefunden haben? Kurzarbeit gibt’s als Selbständiger nicht. Ein Kredit bringt nur was, wenn man ihn dann auch zurück zahlen kann.“ Er hat das Hashtag #supporttheartist ins Leben gerufen, da mit ihm auch eine Vielzahl weiterer kreativer Berufe betroffen ist, für die Kredite nicht der Hauptteil der Lösung sein können.

Im Werbefilm zeigt sich das gleiche Bild: Ausfälle über Ausfälle.


Selbst im lange sehr robusten Wirtschaftsfilm, dem Rückgrat unserer Freelancer in BaWü, ist die Zeit stehen geblieben. Alle kleinen und große Produktionen wurden abgesagt, manche haben noch Technik geladen, mussten dann aber unverrichteter Dinge wieder ausladen. Der Freiburger Content-Creator Chris Keller nutzt die gewonnene Zeit, sein gedrehtes Material aufzubereiten und auf Stockfootage-Börsen hoch zu laden, um so eventuell noch auf ein bisschen Geld hoffen zu können. Livestreaming ist gerade gefragter denn je, da es Events ohne Publikum möglich macht, das verspüren vor Allem Anbieter, die sich darauf spezialisiert haben.
Verbandsmitglied Johannes Gall sieht das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht „Die großen Auswirkungen kommen erst noch, wenn bei den Werbekunden durch Corona-Ausfälle der Umsatz einbricht bleibt sicher nicht mehr viel Budget für Film “ Aus dem Werbefilmsegment erreichten uns bis dato dutzende Mails, zumeist kleinerer Betriebe, denen der Kundenstamm von heute auf Morgen komplett weg gebrochen ist. Wer springt für die vielen One-Man-Shows und Kleinbetriebe ein? Die klassischen Unterstützungmechanismen der Branche funktionieren hier nicht, hier brauch es neue Lösungen seitens der Politik. Die Landesregierung versprach hier in Absprache mit der EU Soforthilfe in Milliardenhöhe, eine Petition für ein Bedingungsloses Grundeinkommen hat bereits über 200.000 Unterzeichner, was auch immer die Lösung sein wird, sie muss schnell wirken und unkompliziert sein.

Mindestens genauso betroffen wie die Filmbranche ist die Eventbranche – Absage jagt Absage. Und immer mehr Kulturevents wandern in die digitale Welt ab. Unlängst verkündete das ITFS, Stuttgarts renommiertestes Filmfestival, dass sie an einem Plan arbeiten, das Festival mittels Steaming eine andere Plattform zu geben und so der Pandemie Rechnung zu tragen. Von 05.-10. Mai wird man also die Wettbewerbsbeiträge online zu Gesicht bekommen, damit aber auch Gewinner*innen gekürt werden können und ihren großen Moment bekommen, werden alle Wettbewerbsbeiträge des ITFS 2020 zusätzlich beim 28. ITFS 2021 auf großer Leinwand im Kino gezeigt und juriert und Preisträger des ITFS 2020 werden zur Eröffnung des 28. ITFS am 4. Mai 2021 vorgestellt und gekürt. Sicherlich kein Einfacher Spagat, den die Festival GmbH mit Uli Wegenast und Dieter Krauß da vollziehen müssen, aber solche Momente bedingen ein gewisses Maß an Flexibilität. Auch kleinere Filmfestivals, wie zum Beispiel die Independent Days in Karlsruhe sind stark betroffen, der Termin Ende April wurde abgesagt, das Schauburg Filmtheater von der Stadt Karlsruhe per allgemeiner Verfügung bis Ende April geschlossen. Veranstalter und Leiter des Filmboard Karlsruhe, Oliver Langewitz rechnet damit, dass Festival im Herbst austragen zu können, an einem Ersatztermin. Dennoch sind mit der Absage auch viele Kosten für Druckprodukte und Werbung verbunden.

Der Filmnachwuchs hat ebenfalls von der Landesregierung verordnete Semesterferien-Verlängerung, sowohl an der Filmakademie sowie der Hochschule der Medien und der Hochschule Offenburg ruht derzeit der Vorlesungsbetrieb. Erstmal bis 19. April, dann wird sich zeigen ob der Regelbetrieb und das Sommersemester aufgenommen werden kann. Auch das Trinationale Filmfestival SHORTS der Hochschule Offenburg wurde in seinem 20. Jubiläumsjahr von Mitte Mai auf unbestimmt verschoben.

Der Südwestrundfunk spielt in diesen Tagen eine besondere Rolle, als Öffentlich-Rechtlicher Sender dient er als zuverlässige Informationsquelle für die Bevölkerung der Region und diese Funktion möchte er auch auf allen Verbreitungskanälen gerecht werden. Egal ob Hörfunk, SWR Aktuell oder im klassischen Sendebetrieb, überall wird getickert, berichtet und recherchiert. Der begonnenen Umstrukturierung in den Redaktionen, hin zu einem gemeinsamen Newsroom für Hörfunk und Fernsehen, im neuen Sendezentrum in Baden-Baden, wird während dieser dynamischen Lage schon vorweg gegriffen. Intendant Kai Gniffke, mit seiner Erfahrung aus 13 Jahren an der Spitze der Tagesschau, kennt sich bestens mit Krisenberichterstattung aus, davon Profitiert der Sender nun. Wie spontan der ÖRR auf aktuelle Lagen reagieren kann, zeigt sich am Beispiel der Schulschließung:

Am Freitag entschied der Landtag über die vorübergehende Schließung aller Schulen und Kitas im ganzen Land, bereits weniger Stunden später verkündete der SWR, dass er sein Program umstrukturieren wird und übergangsweise morgens ein „Tigerentenclub-Spezial“ läuft. Mit dem Ziel, den Kindern Wissen zu vermitteln und zu unterhalten und so die Eltern zumindest ein Stück weit zu entlasten.

Die szenischen Eigenproduktionen des SWR ruhen, die aktuelle Tatort und die Fallers wurden gestoppt. Es ist die gleiche Handhabe wie bei den anderen ARD Anstalten. Beim Hessischen Rundfunk stehen die Mühlen bereits seit Freitag still, auch hier wurde auf unbestimmt verschoben. Und auch die SOKO Stuttgart hat seit Donnerstag ihre Dreharbeiten unterbrochen, nachdem am Mittwoch nochmal unter großen Medienecho in der bereits vom Amt geschlossenen Diskothek Perkins Park in Stuttgart gedreht wurde.

Eine Branche steht unfreiwillig still.

Die Landesregierung prüft gerade Maßnahmen für die Einzelunternehmer und kleinen Betriebe, die MFG Baden-Württemberg arbeitet an einem Paket für Produktionsfirmen und Kinos, welches demnächst vorgestellt werden soll. Es ist eine sehr dynamische Lage, stündlich kommen neue Informationen und eine Beruhigung ist vorerst nicht in Sicht.

Den Blick in die Zukunft wagen nur die wenigsten, für viele die uns anschreiben sind die Nöte derzeit Existenziell. Die Miete, das Essen, bereits laufende Kredite – alles muss bedient werden und dass, obwohl von heute auf morgen nichts mehr geht. Sascha Reinhardt (Kamera und Licht) hat zu dem Thema Zukunft eine spannende Anregung: „Ich arbeite mittlerweile hauptsächlich auf Anstellung, aber die Rechnungssteller legen oft zu wenig zurück. Selbst in einem normalen Krankheitsfall sollte ein Selbständiger drei Monate überleben können. Vielleicht sollte die Branche in Zukunft mehr darauf achten alle Beteiligten abzusichern und auch kleinere Produktionen, wie die Großen, selbst für einzelne Tage Leute anstellen. Und die Selbständigen ein kleinwenig auf ihre Freiheit verzichten und dafür aber von den RV und AV Beiträgen der Arbeitgebern profitieren.“

Was uns bevorsteht vermag derzeit noch keiner zu prognostizieren, es bleibt zu Hoffen, dass wir nur mit einem blauen Auge davonkommen und es für alle nach der Zwangspause weiter geht. Fakt ist allerdings: Die Situation zeigt wie fragil das Gefüge Kreativwirtschaft ist und das es für uns alle wichtiger wird, sich abzusichern und den Standort, inklusive Freelancer und Dienstleister, zu stärken.

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Text & Bild: Fabian Linder
Stand 21.03.2019 – 10:51 Uhr

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