12 Mrz

Fachkräftemangel in der Filmbranche

Bereits im vergangenen Dezember veranstaltete der FVSW Filmverband Südwest eine Podiumsdiskussion im Rahmen des setUP media 2019 Fachkongress in Stuttgart. „Wer dreht den Film? – Fachkräftemangel im Südwesten“. Unter diesem Motto sprachen wir mit Branchenvertretern aus Film, Lehre, Förderung und Politik über den aktuell gravierenden Fachkräftemangel bei Filmproduktionen.

Mit auf dem Podium vertreten war auch unser Verbandsanwalt Steffen Schmidt-Hug von der Künstlerkanzlei. Seit 2008 betreut er als selbständiger Rechtsanwalt und Agent Film- und Medienschaffende in allen beruflichen Angelegenheiten. Der Künstleranwalt publiziert in verschiedenen Fachzeitschriften und nimmt Lehraufträge an deutschen Filmhochschulen wahr.

Auch er beobachtet seit Jahren das sich weiter verschärfende Problem des Fachkräftemangels below-the-line. Am vergangenen Wochenende erreichte uns eine weiter Ausgabe seines regelmäßig erscheinenden „Berufsbrief für Filmschaffende„, darin auch ein Artikel zum Thema, den wir hier mit freundlicher Genehmigung der Künstlerkanzlei abdrucken:

Foto: Fabian Linder

FACHKRÄFTEMANGEL in der Filmbranche ist HAUSGEMACHT

Seit ein paar Jahren deutet er sich schon an. Letztes Jahr wurde er schon für alle sichtbar. Im Herbst mußten schon erste Produktionen wegen FACHKRÄFTEMANGEL abgesagt werden. Andere Produktionen drehten schon z. B. ohne Regieassistenz. Jetzt ist der Personalmangel schon im Februar wie Donnerhall zu hören und stellt alle vor eine ZERREIßPROBE – IM GUTEN WIE IM SCHLECHTEN.

Zahlreiche Filmschaffende haben jetzt schon vor dem eigentlichen Saisonbeginn mehrere Anfragen gleichzeitig und sie können sich das Projekt mit den besten ARBEITSBEDINGUNGEN heraussuchen. Auch lassen sich nun in den Verträgen Konditionen durchsetzen, die bei vielen Firmen oft schwierig waren, z.B. statt (ohnehin unwirksamer) Pauschalgagen eine richtige Überstundenvergütung mit tariflichen Zuschlägen (d.h. bis zu 100 %).

Anderseits haben die Produktionsfirmen massive PROBLEME, das notwendige PERSONAL für ein Team zusammenzustellen. Versuche, Filmschaffende im benachbarten Ausland zu akquirieren, scheitern oftmals an der erforderlichen Qualifikation. Das Problem zeigt sich weniger „above the line“, da die Schauspiel- und Filmhochschulen weiterhin jährlich eine Vielzahl von Regisseuren, Kameraleuten oder Schauspielern ausspucken. „Below the line“ sieht es jedoch ganz anders aus. Gesucht sind die „Indianer“, insbesondere Requisiteure, Regieassistenten bzw. 1st AD, Aufnahmeleiter, oder Garderobieren.

Das Problem hat vor allem ZWEI URSACHEN. Zum einen mangelt es an Nachwuchs, zum anderen aber verlassen zahlreiche hochqualifizierte und langjährig erfahrene Filmschaffende die Branche.

Steffen Schmidt-Hug

Im NACHWUCHSBEREICH rächt sich nun, daß die Produzenten und die auftraggebenden Sender für die Nachwuchskräfte (Praktikanten) nicht den seit vielen Jahren geltenden MINDESTLOHN bezahlen wollen. Auch mangelt es an einer nachhaltigen PERSONALENTWICKLUNG. So wird es z.B. genügend qualifizierte 1st AD erst dann geben, wenn zuvor regelmäßig auch genügend 2nd und 3rd ADs angestellt und herangezogen wurden. Professionelle Filmschaffende wachsen nun mal nicht auf Bäumen. Produzenten denken aber selten nachhaltig. Für den kurzfristigen Profit schöpfen sie sich für jedes Projekt nur die Fettaugen von der Suppe ab und denken nicht an Ausbildung. Die jahrelange Haltung, „der Markt wird es schon richten“, geht einfach ins Leere, wenn keines der Unternehmen mehr Nachwuchs (mit Mindestlohn) für den Markt ausbildet. Verkannt wird auch, daß die jungen Leute von heute nicht mehr fürs Filmemachen sterben wollen, sondern einen Anspruch auf eine „WORK-LIFE-BALANCE“ haben, ein Wort, welches die Verantwortlichen in der Branche bis vor kurzem nicht gekannt, ignoriert oder gar verhöhnt haben.

Der größte Aderlaß für die Branche geht aber von den „ALTEN HASEN“ aus, welche inzwischen zahlreich die Branche verlassen haben. Ursache für Branchen- und Berufswechsel war zum einen für viele der WEGFALL des ARBEITSLOSENGELDES, so daß sie finanziell nicht mehr über den Winter kamen. Vor allem aber sind die meisten Filmschaffenden nicht mehr bereit, ihr Privatleben gänzlich für den Film zu opfern. Den häufig RESPEKTLOSEN UMGANG UND WOCHENARBEITSZEITEN VON 70 STUNDEN und oft (deutlich) darüber hinaus, wollen viele einfach nicht mehr mitmachen. Durch den häufigen FREITAG-NACHT-DREH, wird dann auch noch der Samstag dem Familienleben und Freundeskreis entrissen. Mit über 60 stellen dann viele fest, daß ihre Knochen kaputt, Ehe und Familie (soweit jemals vorhanden) zerbrochen, ein nachhaltiger Freundeskreis mangels Pflege der sozialen Kontakte nicht wirklich aufgebaut wurde und am Ende die Rente durch die kurzfristigen Arbeitsverhältnisse kaum zum Leben reicht.

Die Schuld daran tragen aber nur zum Teil die Produzenten. Vor allem die RUNDFUNKANSTALTEN haben in den letzten 15 Jahren die Branche „KAPUTTGESPART“. Ganzjährig hochbezahlte und mit üppigen Pensionsansprüchen ausgestattete Sender–Manager tragen dafür die Verantwortung. Von den vormals über 30 Drehtagen für einen Fernsehfilm sind kaum noch 20 Tage übriggeblieben. Der TV-Film dauert aber immer noch 90 Minuten. Das Sparen an allen Ecken und Enden ging immer auf die Knochen der Mitarbeiter. Daß diese inzwischen mit den Füßen abstimmen und der Branche den Rücken kehren, sollte niemanden wundern. Auch die von den Sendern in der Quotendiskussion sehnlichst gewünschten weiblichen Regisseure lassen sich kaum finden, solange sie weiter dafür sorgen, daß die Film- und Fernsehproduktion die FAMILIENFEINDLICHSTE ALLER BRANCHEN ist. Die Vereinbarkeit von Film und Familie ist in Deutschland noch nicht mal als anzustrebendes Ziel definiert.

Immerhin wird das Thema erkannt. Bei einer kürzlichen Fachdiskussion in Stuttgart wurde ich gefragt, was man gegen den Fachkräftemangel tun kann. Nach meiner Ansicht muß in den genannten Bereichen durch gezielte Maßnahmen gegengesteuert werden:

Für den Aufbau von Nachwuchs sollten Produzenten und auftraggebende Sender sich verpflichten, in jeder Produktion MINDESTENS 4 ZUSÄTZLICHE PRAKTIKANTEN-STELLEN EINZUKALKULIEREN, NATÜRLICH MIT MINDESTLOHN, denn der frühere „Praktikanten-Stadl“ nach der Devise „Ausbeutung statt Ausbildung“ ist endgültig vorbei. Diese echten Trainees sollten dann zwar auch in den jeweiligen Abteilungen kräftig mithelfen (und dadurch z. B. die Mehrarbeit der Teammitglieder verringern). Deren Mitarbeit müßte aber anhand eines, auch gemeinsam mit den jeweiligen Berufsverbänden ausgearbeiteten, AUSBILDUNGSKONZEPTES erfolgen.

Auch ist es möglich, in unserer Branche „echte Ausbildung“ einzuführen, z.B. in Gestalt eines „VOLONTARIATES“, was es auch bei mancher Rundfunkanstalt (z.B. beim SWR zum Requisiteur) gibt. Ein solches zweijähriges Volontariat mag für die einzelne Produktionsfirma zu viel sein. Dafür bietet sich aber eine sog „VERBUNDAUSBILDUNG“ von mehreren Firmen an, die z. B. quartalsweise wechselt. Diese sollten von einer fundierten, ÜBERBETRIEBLICHEN, FACHLICHEN AUSBILDUNG begleitet werden, ähnlich wie Berufsschulen durch entsprechende Weiterbildungseinrichtungen wie Filmhaus Köln, Bayerische Presseakademie oder Münchener Filmwerkstatt. Erste Ansätze für so etwas hat nun endlich die Produzentenallianz unternommen, leider nur für den eigenen Produktionsbereich und nicht für all die anderen, auch künstlerischen Berufe. Denkbar ist es auch, daß hier die Rundfunkanstalten Verantwortung und die Koordination solcher Volontariate übernehmen (wie es der NDR vor Jahrzehnten schon praktizierte) und die Mitwirkenden z. B. in den Wintermonaten dann für Studioproduktionen einsetzen, so daß z. B. Regieassistenten, Aufnahmeleiter, Requisiteure usw. ihren Horizont erweitern.

Vor allem aber gilt es, die Abwanderung aus der Branche zu stoppen. Schon der Umstand, daß so viele Abgewanderte sich beruflich dem Unterricht von Yoga und anderen Entspannungstechniken widmen, verdeutlicht die Ursache des Übels. Das Übel an der Wurzel zu packen, gelingt aber nur, wenn der Raubbau an Körper und Seele durch eine Normalisierung der ARBEITSBELASTUNG (wieder) deutlich reduziert wird. Im Jahr 2019 wird ein Jahrhundert der Errungenschaft des 8-Stunden-Tages gefeiert. In unserer Branche sind wir aber auch 100 Jahre später weit davon entfernt. Selbst 10 Stunden tägliche Arbeit würden wohl auch die meisten Filmschaffenden noch mitmachen. Danach muß aber wirklich Schluß sein. Darüberhinausgehende ARBEITSZEIT IST NICHT NUR GESUNDHEITS- UND SOZIALSCHÄDLICH, SONDERN MINDERT DIE KONZENTRATION, KREATIVITÄT UND LETZTLICH DIE QUALITÄT DER FILME!

Auch das WOCHENENDE muß wieder den Filmschaffenden, ihren Familien und der Pflege der sozialen Kontakte gehören. Der Freitag-Nacht-Dreh gehört schlichtweg abgeschafft oder mit so hohen Zuschlägen belegt, daß er von Seiten der Produktionen, Regisseure – aber auch manchen Drehbuchautoren (die leichtfertig viele Nachtszenen schreiben) – vermieden wird. In Frankreich geht man den umgekehrten Weg; dort wird am FREITAG-MITTAG SCHLUßGEMACHT, damit die Mitwirkenden nach Hause zu ihrer Familie kommen und am Montag mit frischem Tatendrang beim Film zurück sind.

Hierzulande haben hingegen auch die Tarifparteien, die Produzentenallianz und die Gewerkschaft ver.di, noch immer nicht die Zeichen der Zeit erkannt und glauben, mit immer (ein wenig) höherer Gage würde man den Interessen der Branche und ihrer Menschen gerecht. Weit gefehlt: MEHR GESUNDHEIT UND MEHR LEBENSZEIT steht auf der Agenda und würde dafür sorgen, daß mehr Filmschaffende der Branche erhalten bleiben oder sie gar für junge Leute attraktiv wird.

Zitat Ende.

Foto: Fabian Linder

Der für alle Kollegen aus der Filmbranche sehr lesenswerte Berufsbrief für Filmschaffende kann unter folgendem Link kostenlos abonniert werden: http://www.schmidt-hug.de/subscribe_nl.html

Ein Gedanke zu „Fachkräftemangel in der Filmbranche

  1. Sehr schöner und gut geschriebener Text. Vor allem stimmt es einfach, dass neben den Menschen einfach auch die Qualität des Films leidet. Schöner Vergleich auch mit Frankreich. Die wissen es eben wie man gute Filme macht und gleichzeitig qualitativ hochwertig lebt.

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